
Viele Jahre später, in denen gewisse Geschehnisse am Stausee mir mittlerweile entfallen waren, überkam mich ein modriger Geruch. Der einem dann tagelang hartnäckig in der Nase stand. Ohne das ein Grund dafür ersichtlich schien. Immer im Herbst. Kaum fiel das Laub. Das einem in diesen Tagen glitschig an den Hacken hing. Der Geruch folgte mir, wohin ich auch ging. Überdies brachte jeder Atemzug auch eine seifige Note mit sich.

Würde man mich heute fragen, was es mit diesem Geruch der Fäulnis auf sich hatte, oder sich das nicht mit einer Sinnestäuschung erklären ließ, würde ich die Augenlider schließen. Es dauerte dann nicht allzu lang und man konnte in einem vorgehaltenem Nachtsichtgerät wenige unscharfe Konturen im grünlich erhellten Dunkel erspähen. Währenddessen angespannte Totenstille herrschte. Es roch nach faulen Eiern. Feuchten Lumpenhaufen. Mir fingen die Wangen an zu glühen. Auf den Lippen schmeckte es nach Seife. Die Luft war mit Wischwassertröpfchen benetzt.

Breathe, breathe in the air.
Don't be afraid to care.
Leave but don't leave me.
Look around and
choose your own ground.Breathe (Richard William Wright, David Jon Gilmour, George Roger Waters)
Unter meinen Sohlen spürte ich grießigen kalten Beton. Demnach musste ich barfuß stehen. Offenbar seit einer Weile schon. Es kam, dass die Kälte von unten messerscharf in die Waden stach. Von den dünnen Waden perlte schmutziges Spritzwasser hinab und sammelte sich zu meinen Füßen zu einer Lache auf dem grauen Beton. Die Pfütze füllte sich weiterhin. Nicht weit davon ein Berg von zerlöcherten Scheuerlappen, der in der kalten Luft dampfte, und aus dem es übel stank. War ich dünnbekleidet? Hatte ich nichts weiter als die dunkelblaue nasse Spritzjacke in Übergröße an? Die mir bei jedem Schritt zwischen den nackten Beinen klebte? Ein Türspalt öffnete sich und warf ein schummriges grünliches Licht. Das Licht fiel nicht weit. Mir war, ich fror.
©️ Marco Götz, Pröda 2026
Eine Weile noch, würde ich jetzt sagen, und hielte die Lider fest geschlossen. Bis die stechende Kälte, das perlende Schmutzwasser, der dumpfe Spritzwasserdunst in der Luft, der Berg aus modrigen Scheuerlappen, überhaupt alles, was da wohl im Dunkeln in den Ecken lauerte, nach und nach verblasste und wieder von der Bildfläche verschwand. Ich öffnete die Augen, und mir war, als hätte ich nur geträumt.

Der Himmel hatte immer zwei Hälften.
Die Eine lag mit all ihren Fixsternen über uns.
Unter der Anderen, so scheint es heute, werfen wir keinerlei Schatten.
Einmal kam ich dann auf diese Tage im Herbst, an denen ich am späten Nachmittag noch draußen auf dem Wasser war. Gewisse Nachmittage, an denen der üble Mundgeruch des Wassers aus dem Stausee aufstieg. Die Windstille war trügerisch und tat das übrige, da nun der Atem von Moder und Lauge gefühlt ewig über dem Stausee hängen blieb. Beschienen von einem gilben Licht. Ich war ahnungslos wie spät es schon war, da in den Armbanduhren die Zeit stehen blieb.