Kann man sich an das erinnern?

Vermutlich würde sich das keiner fragen. Möglich und im Grunde zweifelt an der Sache selbst auch niemand, ich meine, sich an etwas auch erinnern zu können. Beispielsweise an das damals. An das Ding zum Beispiel. Oder auch an jene Sache. An das was eben einmal war. Ich glaube, grundsätzlich zweifelt man nicht wirklich so daran.

Aber fragte nicht zuweilen jemand unvermittelt: Na, kannst du dich an das auch noch erinnern?

Irgendwo stand man zusammen, grüppchenweise, auch verlegen, wie die Zeit vergeht, ja, könnte das wirklich so gewesen sein, damals, mitten auf dem Schotterweg. Zu einer Schönen Aussicht unterwegs. Nicht mehr weit weg von einem Bellevue. Es war später Nachmittag, bereits. Und jemand stellte in die Runde mal diese Frage zur Erinnerung. Belanglos und ein wenig Nebenher.

Zunächst, die Sache platzte heftig rein, würde ich wahrscheinlich heute sagen. Man begann sich Gedanken zu machen. Es blieb einem auch wenig Andres übrig. Tja. Jemand hatte einen überrascht.

Gewöhnlich schien mir das an einem freien Nachmittag der Fall zu sein. An einem jener überraschend freien Nachmittage. Ich erwischte mich bei einem scheuen Blick aufs Handy, so beiläufig erfasste ich die Zeit. Es war tatsächlich schon zu später Stunde.

Ich erinnerte mich jetzt so genau. An einem solchen Tag. Ich freute mich so diebisch auf einen freien Nachmittag. Verfrüht erwachte ich noch vor der Zeit. In der Nähe einer Dämmerung. Noch tief im warmen Nest. Alle Tage war nachts ein Fenster angekippt. Draußen schwoll der Grande Sound im Grau des Morgens an. Kein besonderes symphonisches Geräusch und ich lag wach. Irgendwo On Earth. Das ist nichts Besonderes. Und kaum der Erinnerung wert.

Aber an diesem späten Nachmittag stellte man so eine Frage. Unvermittelt. Eine gewisse Erinnerung war gefragt. Tja. Woran eigentlich konnte ich mich jetzt erinnern?

In der ersten Zeit guckt man blöd aus der Wäsche, wie aus einem Mittagsschlaf gerissen, würde ich auch später sagen. Man steht da, entrückt und schaut die Runde rum. Augenblicklich ist alles nächtlich. Man starrt in eine Dunkelheit. Dann fasst man sich und irrt hindurch. Minuten können erst vergehen. Dann sieht man die Nacht. Ein Glühwürmchen schwebt herbei. Ein zweites kommt dazu. Bald schwirren sie unzählig in der Nähe. Der Blick hängt eine Zeit an einer Taschenlämpchenwolke fest. Ein grünes Sammellicht. Es fällt nicht weit. Es ist Zeit für einen Trip in eine nachtsichthelle Stummfilmsommernacht. Ja, heute würde ich wahrscheinlich sagen: Es ist die Zeit. Und man läuft an dunkelgrauen Wänden lang, daran eine grüne Bilderei. Eine Weile kann vergehen. Die grüne Dunkelei hält unfreiwillig an … aus einem dunklen Futteral taucht irgendwann ein Zettel auf. Ziemlich verramscht und auch nicht allzu groß. Ein Spickzettel aus der Vergangenheit. Es dämmert einem.

Man erinnert sich dann eben. Jedenfalls so genau man kann. Für einen längeren Moment.

An einem freien Nachmittag verging damals auch die Zeit. Irgendwann verstand ich das. Die Sache schien irgendwann kein Thema mehr zu sein. Ich meine die Sache mit der angerissenen Erinnerung. Irgendwann war an dem Punkt auch mal ein Häkchen dran. Abgehackt. Wie Anderes dann auch, an einem späten Nachmittag. Ja absolut, die Dinge haben ihre Gültigkeit, die Welt selbst dreht sich eben weiter, was Anderes soll in der Erinnerung geschehen, auch jeder freie Nachmittag war einmal passé.

Also erinnerte man sich. An vage Geschehnisse. Das meiste war Jahrzehnte her. Wer weiß.

Ein überraschend freier Nachmittag. Eine aufgefetzte Erinnerung. Später, einer dieser Tage dann danach. Ab und an war ich allein. On Earth.

Ich ertappte mich gelegentlich bei einem Gedanken, der seltsam wie von selbst auf Eis zu gleiten schien. Fürs erste orientierungslos, ohne jeden Halt, bald war es ein Trip durch undurchsichtigere Nebelschwaden. Die Fläche war spiegelglatt. Gedanklich lag noch alles vor mir. Die Ebene neigte sich gefährlich abwärts, würde ich auch heute sagen. Eis. Bläulich, kalter Nebel. Jene offene Erinnerung. Kein Ende war in Sicht, wie mir schien. Ich hing dem Gedanken nach, irgendwo. Aber ich schlitterte doch nicht weiter da hinab, nicht endlos, würde man mich heute fragen. Aber wie, konnte man sich an das erinnern?